Worum es geht

Du dehnst deinen Rücken, du massierst ihn, du schonst ihn, aber die Schmerzen gehen nicht weg. Möglicherweise liegt das Problem gar nicht dort, wo du es spürst. Dieses Video eröffnet mein neues Kapitel zur Hüftgesundheit, aus meiner Video-Reihe zum Buch. Es geht darum, warum die Hüfte für so viele Beschwerden verantwortlich ist, die an ganz anderen Stellen im Körper auftauchen.

Warum die Hüfte das Kraftzentrum deines Körpers ist

Die Hüfte ist das Bindeglied zwischen Ober- und Unterkörper. Als Kugelgelenk hat sie eine enorme Bewegungsfreiheit, bei vielen Menschen ist genau diese Freiheit aber stark eingeschränkt. Gleichzeitig muss die Hüfte bei jedem Schritt ein Vielfaches des Körpergewichts abfangen. Charles Poliquin, einer der einflussreichsten Kraft- und Konditionstrainer der letzten Jahrzehnte, der über zwei Jahrzehnte hinweg Olympioniken in verschiedensten Sportarten betreut hat, bezeichnete die Hüfte deshalb sinngemäß als Kraftzentrum des Körpers und sah eine schwache oder unbewegliche Hüfte als eine der häufigsten Ursachen für Leistungseinbußen und Verletzungen. Das ist zur Einordnung eine Trainerposition aus jahrzehntelanger Praxiserfahrung, keine einzelne zitierbare Studie, aber sie deckt sich mit dem, was die Forschung zur kinetischen Kette im Körper zeigt.

Was, wenn die Hüfte schwach oder steif ist

Wenn die Hüftmuskulatur die auf sie wirkenden Kräfte nicht mehr korrekt abfangen kann, übernehmen andere Muskelgruppen. Das führt zu Überlastung, Verspannung und am Ende zu Schmerzen, oft an Stellen, die mit der Hüfte auf den ersten Blick nichts zu tun haben.

Rücken.

Rückenschmerzen sind eines der typischen Symptome, wenn die Hüftmuskulatur einspringen muss und die tiefe Stützmuskulatur des Rückens kompensatorisch überlastet wird. Die Studienlage zu diesem Zusammenhang ist allerdings vorsichtiger zu lesen, als es in der Trainingspraxis oft dargestellt wird: Querschnittsstudien finden bei Menschen mit chronischen Rückenschmerzen tatsächlich messbar schwächere Hüftmuskeln, insbesondere Abduktoren, Adduktoren und Extensoren. Ob die Hüftschwäche aber Ursache oder Folge der Rückenschmerzen ist, oder ob beides gemeinsam aus einem dritten Faktor entsteht, ist mit diesem Studiendesign nicht zu klären. Die Forschung selbst beschreibt die Evidenz hier als begrenzt und teilweise widersprüchlich.

Knie.

Der Zusammenhang zwischen Hüfte und Knie ist besser abgesichert. Bei Patellofemoralem Schmerzsyndrom, einer der häufigsten Knieprobleme überhaupt, zeigen mehrere systematische Übersichtsarbeiten, dass gezieltes Training der Hüftabduktoren und Außenrotatoren Schmerzen spürbar reduziert und die Funktion verbessert. Eine schwache Hüfte lässt das Knie beim Gehen, Laufen oder in der Kniebeuge nach innen kippen, das erhöht die Belastung am Kniegelenk.
Nacken und Schulter. Ein starker Beckenschiefstand kann sich über die gesamte Wirbelsäule fortsetzen und so auch im Schulter- oder Nackenbereich spürbar werden. Dieser Mechanismus ist biomechanisch plausibel, aber schwerer in kontrollierten Studien zu quantifizieren als der Hüfte-Knie-Zusammenhang.

Das Tükische: Hüftprobleme fallen im Alltag kaum auf.

Die Hüfte selbst ist meist nicht die Stelle, die zuerst wehtut. Bemerkbar machen sich eher die Stellen, die die fehlende Stabilität oder Beweglichkeit ausgleichen müssen. Im Alltag merkst du eine eingeschränkte Hüfte oft gar nicht, sondern erst bei spezifischen Tests oder in Sportarten mit hohem Beweglichkeitsanspruch, etwa Kickboxen.

Zur langfristigen Folge, die im Video angesprochen wird: Wer seine Hüfte über Jahre vernachlässigt, riskiert im Alter häufiger eine Hüftarthrose. Hier lohnt sich ein differenzierter Blick, weil das in dieser pauschalen Form zu stark vereinfacht wäre. Die am besten belegten Risikofaktoren für Hüftarthrose sind Übergewicht, eine vorausgegangene Hüftverletzung, hohes Alter und stark belastende körperliche Arbeit über viele Jahre, etwa schweres Heben. Mangelnde Beweglichkeit oder ungenutzte Hüftmuskulatur sind in der Risikofaktorenforschung nicht als eigenständiger Hauptfaktor für Arthrose etabliert. Plausibel ist trotzdem, dass eine schwache, schlecht koordinierte Hüfte über veränderte Bewegungsmuster und ungleichmäßige Gelenkbelastung indirekt zum Risiko beitragen kann, nur eben nicht als der zentrale, wissenschaftlich belegte Auslöser, als der es im Video klingt.

Ein Beispiel aus der Praxis: Noahs Geschichte

Ein Klient, den ich hier Noah nenne, Name aus Datenschutzgründen geändert, ist 600 Kilometer angereist, weil er starke Schmerzen in Gesäß, Oberschenkel und Rücken hatte, die er trotz zahlreicher Physiotherapien und sogar Operationen zur Beinverlängerung nicht in den Griff bekam. Bei ihm lag eine anatomische Beinlängendifferenz vor, die zu einer Fehlstellung im Hüftbereich führte. Über gezieltes Hüfttraining konnten wir seine Schmerzen deutlich reduzieren. Das ist ein einzelner, anonymisierter Praxisfall, kein Studienbeweis, aber er zeigt, worauf es bei der Ursachensuche ankommt: nicht nur den Ort behandeln, an dem es wehtut, sondern die Struktur, die dahinterliegt.

Die Hüfte ist das im Alltagssport am meisten vernachlässigte Gelenk.

Fazit

Wenn dein Rücken, dein Knie oder sogar deine Schulter regelmäßig zwickt, lohnt sich ein Blick auf die Hüfte, bevor du nur das Symptom behandelst. Der Zusammenhang zur Kniebelastung ist gut erforscht, der zu Rückenschmerzen weniger eindeutig, als man oft hört, und die Verbindung zur späteren Hüftarthrose ist plausibel, aber nicht der Hauptrisikofaktor. In den nächsten Videos dieser Serie geht es um konkrete Tests und Übungen für die Hüfte, hier ging es erstmal um den Überblick.

Quellen

Pizol, G.Z., Franco, K.F.M., Miyamoto, G.C., Cabral, C.M.N.: Is there hip muscle weakness in adults with chronic non-specific low back pain? A cross-sectional study. BMC Musculoskeletal Disorders, 2023;24:786. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC10559475/
Alammari, A., Spence, N., Narayan, A., Karnad, S.D., Ottayil, Z.C.: Effect of hip abductors and lateral rotators' muscle strengthening on pain and functional outcome in adult patients with patellofemoral pain: A systematic review and meta-analysis. Journal of Back and Musculoskeletal Rehabilitation, 2023. https://journals.sagepub.com/doi/10.3233/BMR-220017
de Zwart, A.H. et al. / Silverwood, V. et al.: Risk factors for incident osteoarthritis of the hip and knee. PMC-Übersichtsartikel. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3261259/
Ackerman, I.N. et al.: Epidemiological Evidence for Work Load as a Risk Factor for Osteoarthritis of the Hip: A Systematic Review. PLOS ONE, 2012;7(2):e31521. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3279372/
SimpliFaster: The Life and Strong Times of Legendary Strength Coach Charles Poliquin (biografische Einordnung, Kim Goss). https://simplifaster.com/articles/legendary-strength-coach-charles-poliquin/

Du willst das auf dein Training übertragen?

Im kostenlosen Erstgespräch schauen wir uns deine Situation an und klären, welcher Weg für dich passt.

Erstgespräch vereinbaren

← Zurück zur Blog-Übersicht